J. Monika Walther
Che Faro

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Oktober 2018

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

singt Orpheus. Wie diese Geschichte ausging, wissen wir nicht so genau, aber wir kennen einige Variationen und Möglichkeiten. Wie es mit der Erde, mit der Welt, mit unserer deutschen Republik weiter geht, wissen wir nicht. Da können wir so laut singen, wie wir können. Und gerade deshalb müssen wir uns jeden Tag vor den Spiegel stellen, hineinschauen und überlegen, welche Rolle wir spielen wollen. Und das Spielen allein reicht nicht. Wir müssen Text und Haltung lernen. Den Charakter aufbringen. Denn nicht irgendwer, nicht die Nachbarn von nebenan oder sonst wer tritt für unsere Demokratie ein. Aus der Geschichte wissen wir, wie Faschismus, wie Diktaturen kommen. Wie der Referenzrahmen sich langsam verschiebt. Was alles sagbar wird. Wie es gesagt wird. Wie die Ausgrenzungen zunehmen. Wie das Unmenschliche lauter wird. Wie der Hass sichtbar wird. Wie die Gewalt zunimmt. Wie sich der Faschismus von den Hinterstuben und der Straße in die Regierungen und ins Parlament verlagert. Wie sich neue Allianzen bilden, die Geschäfte anders betrieben werden. Ausgerechnet der gierige späte Kapitalismus könnte in Europa zum Garant für demokratische Politik werden. Bei uns Bürgern bin ich mir nicht so sicher. Das unselige Hartz IV sorgte für eine zu große Menge von befristeten Arbeitsverhältnissen mit Niedriglohn. Die Globalisierung kam einseitig den Firmen, dem Kapital und den weltweit legal oder illegal agierenden Geldbanditen zugute. Bei der Digitalisierung wird nicht vorgesorgt und kommuniziert, was für Arbeit wegfällt, welche neu entsteht. Ein Lausitzer Bergarbeiter wandelt sich nicht von alleine zum Büroangestellten. Der Handel mit Immobilien ist zur Geldwäsche verkommen. Die Mieten sind nicht mehr bezahlbar.

Ja, Eva und Adam sind nicht mehr im Paradies, aber die Erfindung der Sesshaftigkeit in Verbindung mit der Bewirtschaftung von Feldern und Viehwirtschaft war eine der schlechtesten Ideen, die die Menschen hatten, denn seitdem sind alle fest in der Arbeitspflicht. Und im Warensystem. Es muss geschuftet und verteidigt werden. Pacht und Abgaben bezahlt werden. Oben und unten entstand. Und schnell nach Geschlechtern wurde sortiert. Und wer es vom Taglöhner endlich zum Freibauern oder gar Freigutsbesitzer geschafft hatte, dessen Söhne wurden im besten Fall Handwerker. Ja, und manchmal schaffen es Leute vom Tellerwäscher nach oben oder Youngsters aus der Garage verdienen Milliarden. Das ist aber wie Lottospielen.

Nur wenige Staaten haben begriffen, dass Grundrenten eingeführt werden müssen, vielleicht auch ein Grundeinkommen, damit die Gesellschaft, Stadt und Land, sich nicht immer weiter auseinanderdividieren und individualisieren. Jeder und jede als eigene Burg, die es zu verteidigen gilt. Um die Erde und uns Menschen weiterhin über die Runden zu bringen, braucht es weit mehr als Gier und narzisstischen Egoismus, möglichst noch mit Angst gepaart. Auch mehr als Unternehmertum. Glückliche Sekunden, Wissen, Begreifen, was warum geschieht, arbeiten nach bestem Können und Gewissen, sich engagieren in der Gesellschaft. Diese Bausteine retten zwar weder die Welt im Ganzen (drei Millionen Jahre benötigt die Menschheit, um die Erde wieder in einen heilen Zustand zu versetzen, so viel ist schon ruiniert), noch entsteht wieder das Paradies, noch wird der Mensch gut, aber es sind elementare Bausteine fürs Überleben. Für eine Zukunft ohne massenhafte Verfolgung, Ausgrenzung, Gier, Hungersnöte, Fluchten, Ausbeutung, Kinderarbeit. Und ohne die Stahljachten und Magnumflaschen der Gröhlreichen. Ich gönne jedem allen Luxus (auch Gold, Rolex, guten Wein, Reisen, ein Boot, ein tolles Auto, gutes Wohnen und so weiter), aber nicht gierigen Betrügern und dummen Luxusschlampen, die alle keine Manieren haben, keinen Anstand, vielmehr ein sinnfreies Leben zwischen Austern, Jacht, Champagner (leider stimmen diese Bilder ja) und ewiger Wichtigtuerei, Prahlerei und noch mehr Betrug am Gemeinwesen führen. Alle könnten beim Blick in den Spiegel überlegen, was sie glücklich macht, was sie zum Leben brauchen, was für sie Luxus bedeutet. Was sie von anderen Menschen, von Nachbarn erwarten. Was sie ihnen geben wollen, was sie vom Gemeinwesen haben möchten. Vielleicht gibt es doch mehr als den Mehrwert und Plunder? Falls wir auf dieser Kugel weiter existieren wollen. Alle zusammen. Alle.

„Wer aber sind sie, sag mir, die Fahrenden, diese ein wenig Flüchtigeren noch als wir selbst ...?“, schrieb Rainer Maria Rilke. Fluchten, Flüchten kenne ich. Dafür steht die Familiengeschichte. Und selten sind die Fahrenden und die Flüchtenden willkommen. Heute nicht, nach dem 2. Weltkrieg nicht, dort nicht und hier nicht. Wir müssen es aber miteinander schaffen. Wir haben nur diese eine Kugel. Was ist daran nur so schwer zu verstehen. Der tolle Bomberg aus dem Münsterland konnte auf seiner Kugel durch die Wolken fliegen, aber wir haben alle zusammen nur diesen einen Planeten, und ob da irgendwo welche im All sind, die sagen, na gut, wir helfen diesen Menschen, das ist sehr unsicher. Bis unwahrscheinlich. Zivilisation und Vernunft sind angesagt, aber im Augenblick werden alte nationalsozialistische Parolen beschworen, die Macht von Männern. Heimat wird beschworen, ohne zu wissen, dass Heimat bedeutet, einzustehen für die Nachbarn, für Tradition, für Grundrechte, für unsere Demokratie. Heimat bedeutet nicht, alles, was ich nicht mag, abzuknallen oder nieder zu brüllen.

Zivilisation und Vernunft. Zuneigung und die kleinen Augenblicke.

Was wünsche ich mir? Dass ich vernünftig und liebend bleibe. Dass ich weiter arbeiten kann. Dass ich mir da bin. Und also auch den anderen. Und: Der alte Stall wurde von Günther Beuter so wunderbar verfugt. Die Erdklinker von 1898 glänzen in ihren Farben. Danke.

Was tue ich? Ich freue mich, dass in diesem Jahr noch der Prosaband: Als Queen Elizabeth II Schnaps im Hafen von Marne trank erscheint. Neben mir steht eine Pralinenschachtel (Original, was würde die bei Bares für Rares bringen?) vom 2. Juni 1953, vom Krönungstag Elizabeth II. Meine Mutter und ich winkten.

Ich schreibe gerne für das dreisprachige Onlinemagazin denkzeit: Kolumnen über das Dorfleben und über die Fluchtlinien meiner Familie.

DenkZeit

Und: Das muss noch erzählt werden. Die Hühner bekommen im alten Jahr, beginnend zu Nikolaus, neue Türen und Fenster. Hochherrschaftlich nahezu. Weil niemand zimmert mehr heute einfach mal Türen aus Holz zusammen. Ich verdanke es meiner Hamburger Cousine Ingeburg, die 2016 starb, und ohne Notar ihr Testament geschrieben, einem Pflegedienst vertraut hatte, der sie buchstäblich ausnahm, sein Einkommen gefunden hatte. Die Erbengemeinschaft hat es nach drei Jahren geschafft, dann doch in diese Erbschaft einzutreten. Was mich bis heute erstaunt, da kümmert sich kein bezahlter Anwalt, kein Nachlassgericht. Niemand. Gar niemand. Ob in zehn Jahren jemand beim Hamburger Nachlassgericht den Aktendeckel öffnet und sich fragt: Was ist geschehen?

Jay