J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

April 2020

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

singt Orpheus.

Ob Euridice und Orpheus in ihrem Reich der Göttinnen und Legenden eine Pandemie erlebten, niemand weiß es. Wir bekommen nur überliefert, dass all die Helden und Göttinnen miteinander die irrwitzigsten Geschichten aufspielten: Genau betrachtet spiegelten die Untaten der Menschen die der Götterwelt. Oder umgekehrt. Vielleicht konnten die Künstlerinnen und Schreiber aber auch nichts anderes erfinden, als das, was sie täglich in ihrer griechischen Welt erlebten. Kriege, Machtkämpfe. Schöner größer besser. Viel anders als heute ging es nicht zu. Griechen sind auch nur Menschen. Und außer schöner wollten viele von ihnen auch noch einflussreicher sein. Die Göttinnen und Machthaber der oberen und unteren Sphären liebten ihre Auftritte und Dramen. Sie liebten die Menschen, die diese göttlichen Dramen, Legenden und Opern erfanden. So wurden sie ewig – wie Euridice und Orpheus.

Rund um das Mittelmeer und in Griechenland gab es außer den großartigen Abenteuern in der göttlichen Welt auch reale Ereignisse. Dafür waren die Historiker zuständig. Zum Beispiel führte ein Herr Thukydides genaue Aufzeichnungen über den Peloponnesische Krieg und die Attische Seuche, eine Epidemie, die in den Jahren 430 bis 426 vor Christus in Athen während der Belagerung durch die Spartaner wütete. Die Epidemie wird deshalb als Seuche oder Pest des Thukydides bezeichnet, im englischen Sprachraum als The Plague of Athens, The epidemic of Athens oder auch Thucydides Syndrome.

So viele Namen für eine Krankheit, die niemand erklären konnte und dann Gott angelastet wurde. Seine Strafe für die Menschen. Die Krankheit unbekannt, Gott unbekannt. Passte doch. So sind die Menschen. Und schon zetteln sie den nächsten Krieg an, für mehr Macht und Land und gegen wen auch immer. Der Krieg zwischen den Athenern und Peloponnesiern dauerte sechsundzwanzig Jahre und schuf wie es immer bei Kriegen ist neue Machtverhältnisse und Elend.

Der Attischen Seuche fiel ein Viertel der Bevölkerung der von den Spartanern belagerten Stadt Athen zum Opfer, darunter im Jahr 429 vor Christus auch Perikles. Die Auswirkungen dieser Pest werden nicht nur für die Niederlage Athens, sondern auch für den Niedergang der Kultur Griechenlands verantwortlich gemacht. Damals kannten die Athener noch nicht die Wörter Seuche, wussten nicht, was da über sie gekommen war, wussten auch nicht, was ihre Kultur für die Menschheitsgeschichte bedeutete, aber es ist immer gut, Schuld zuweisen zu können.

Thukydides war beim Ausbruch der Seuche einunddreißig Jahre alt und beschreibt deren Verlauf ausführlich im Zweiten der acht Bücher über den Peloponnesischen Krieg. Er erkrankte selbst und bemerkte, dass keiner, der die Krankheit überstanden hatte, sie ein zweites Mal bekam, was als erster schriftlicher Hinweis auf ein immunologisches Gedächtnis gesehen werden kann.

Die Krankheit trat – dem Bericht des Historikers Thukydides zufolge – ganz plötzlich bei Menschen auf, die bei bester Gesundheit waren. Einem starken Hitzegefühl im Kopf mit entzündeten und geröteten Augen folgten Niesen, Heiserkeit und Husten. Der Atem kam dabei übelriechend und unregelmäßig, die Erkrankung griff auf den gesamten Körper über, und wenn sie den Magen erreicht hatte, drehte es diesen förmlich um, sodass unter schrecklicher Übelkeit Galle in allen damals unterschiedenen Formen erbrochen wurde. Schließlich erfasste die Krankheit die Schamteile und Gliedmaßen bis in die Finger- und Zehenspitzen. Viele seien nur davongekommen, weil sie diese verloren hätten, während andere wiederum erblindeten oder ihr Gedächtnis verloren. Meist starben die Menschen nach sechs oder acht Tagen. Thukydides berichtet, dass auch Tiere erkrankten und verendeten.

Der Versuch, die von Thukydides geschilderten Symptome mit einer heute erforschten Krankheit in Zusammenhang zu bringen, hat zu mehr als zweihundert Veröffentlichungen geführt mit mindestens neunundzwanzig „Verdachtsdiagnosen“. Vielleicht war es Typhus, vielleicht Ebola.

Die Spanische Grippe dauerte von Januar 1918 bis Dezember 1920. Sie tötete in nur wenigen Monaten Schätzungen zufolge zwischen siebenundzwanzig bis fünfzig Millionen Menschen. Manche Quellen sprechen von noch mehr Toten. Der Ausbruch der Pandemie, die in drei Wellen vom Frühjahr 1918 bis 1920 weltweit über die Menschen hereinbrach, liegt fast hundert Jahre zurück. Eine meiner Großmütter starb Anfang 1919 an Schwäche, Hunger und der spanischen Grippe. In Posen. Dort war ihr Mann, der sich für zwölf Jahre bei den Dragonern verpflichtet hatte, stationiert worden. Rosa Clara starb, während mein Großvater 1919 als Quartiermeister von der Ostfront nach Westen beordert wurde. Dort angekommen musste er wieder zurück in den Osten. Durfte nicht nach Posen. Nicht zur Beerdigung seiner Frau. Nicht zu den vier Kindern. Das hat er seinem Kaiser nie verziehen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es zwei Grippeepidemien: 1947 und 1951. Ich hustete als Kind immer herum, hatte Bronchitis und Tuberkulose, aß Chinin wie Bonbons. Aber alles wurde irgendwann mit dem Kind gut. Fast gut.

1945 – das Kriegsende: beginnend am 21. Oktober 1944 mit der Kapitulation von Aachen. Das Händeschütteln amerikanischer und sowjetischer Soldaten an der Elbe am 25. April 1945. Berlin kapitulierte am 2. Mai. Und immer noch wurde weitergekämpft, wurden Todesurteile gefällt, Menschen erschossen und an Bäume gehängt. Am 8. Mai hielt Charles de Gaulle in Paris eine Radioansprache: „Der Krieg ist gewonnen.“ Aber der Krieg ist immer noch nicht zu Ende. Nicht in St. Nazaire, nicht in Norddeutschland und einigen Bunkern. Nicht überall geben die Deutschen auf.

Oskar Schindler spricht in Brünnlitz, in der Deutschen Emailwarenfabrik ein letztes Mal zu den jüdischen Zwangsarbeitern, zu mehr als tausend Frauen, Männern und Kindern. Gegen Mitternacht tritt der Vertrag von Reims in Kraft. Offiziell ist der Krieg vorbei, aber das wissen nicht alle. Am 9. Mai um 0 Uhr 50 wird in Karlshorst endlich die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Von Keitel, Stumpff und von Friedeburg. Schukow fordert die drei Männer nach ihrer Unterschrift auf, den Saal zu verlassen. Gegessen und gefeiert wird ohne diese Deutschen. Aber noch immer gibt es an Frontabschnitten Marschbefehle, Schießbefehle, Mord und Totschlag. Und es gibt die Fluchten von Nazis aller Arten. In vielen Haushalten wird das Porträt von Hitler im Wohnzimmer abgehängt, SS-Uniformen und das Buch „Mein Kampf“ verbrannt. Ab dem neunten Mai muss der Arm unten bleiben und der Gruß ist nicht mehr „Heil Hitler“, sondern Grüß Gott oder Guten Tag. Weg sind die Faschisten nicht, weg sind nicht die Gedanken, die Menschenfeindlichkeit, die Barbarei als Haltung, nur verborgen. Der Referenzrahmen verschiebt sich langsam, sehr langsam.

Was wünsche ich mir?

In diesen Coronazeiten: dass die Menschen bei Verstand bleiben. Einkaufen gehen ist nicht die Bestimmung des Lebens, sinnfrei arbeiten auch nicht. Dass unser Hiddingsel als Dorf sich bewährt, dass in der Familie alle gesund bleiben. Und siehe oben, dass die Menschen logisch denken. Bitte. Ein Virus ist ein Virus und hält sich an keinerlei Grenzen. Gehofft hatte ich, dass wir jetzt darüber nachdenken, wie wir auf dieser Erde und in Europa in Zukunft leben und wirtschaften wollen, aber offensichtlich wollen fast alle wieder zurück in die alten Zustände.

Was tue ich?

Ich freue mich am Frühling, am Blühen der Obstbäume, an Hühnern und Enten. Am duftenden Flieder.

Und: Ich freue mich, dass das Buch „Dorf – Milch und Honig sind fort“ als Print und E-book erschienen ist. Ich freue mich, dass es gelesen wird.

Jay