J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

Juni 2021

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

singt Orpheus.

Ob Euridice und Orpheus abends beim Retsina darüber diskutierten, wie es früher war und wie die Zukunft sein wird? Wir wissen es nicht. Auch nicht, ob sie leise seufzten: Früher war es viel schöner, bevor es diese Götter gab, bevor ich eine Nymphe war, bevor du gesungen hast. Früher, als wir noch –

Der Satz von Hannah Arendt „Wenn die Weltgeschichte nicht so beschissen wäre, wäre es eine Lust zu leben“, war noch nicht gedacht und nicht aufgeschrieben. Und wir wissen nicht, wie dieses Paar die griechischen Zustände beurteilte und was sie von der Welt, die noch eine Scheibe war, wussten, außer dass es Kriege gab und Streitereien zwischen den Göttern. Wahrscheinlich kannten sie schon diese Sehnsucht nach dem Neuen, nach Größerem und Schönerem. Zu ihrer Zeit entstand ja viel Neues. Und vermutlich trieb auch damals die Menschen nicht nur Lust, Freude um oder Erfindungsgeist, sondern auch die Gier nach dem Mehr, dem Mehrwert, dem Gewinn. Einfach mehr auf dem eigenen Teller. Mehr Land, mehr Krieger, mehr Schiffe, mehr Getreide. Mehr.

So ist es heute immer noch. Je weiter der Zweite Weltkrieg in der Geschichte nach hinten rückt, um so begeisterter werden neue regionale Kriege begonnen. Ein bisschen mehr Russland ist eine Variante. Mehr Türkei. Mehr China. In vielen Ländern ist ein Ende der Dekolonisierung nicht abzusehen. Und in den reichen Ländern wird nicht erinnert, sondern Neues gesucht. Neues zum Sehen, zum Schmecken, neue Abenteuer. Und von all dem Mehr. Höher größer mehr. Workflow -

Aber um uns und die Gesellschaft zu verändern, müssten wir erinnern und die Vergangenheit begreifen, die noch lange nicht vorbei ist und noch viel länger unsere Zukunft bestimmen wird. Glauben wir der Werbung, gilt alles für den Tag. Ohne die viel beschworene Nachhaltigkeit. Wir wissen, dass die ersten Dominosteine am Wackeln sind, aber die Arktis und ihre Rohstoffe bleiben ein Ziel vieler Begierden. Ohne an eine Zukunft zu denken. Jetzt wollen wir mehr haben. Jetzt. Noch mehr Flow.

Vor zweihundert Jahren sagte Rahel Varnhagen von Ense: „dass die Zukunft uns nicht entgegenkommt, nicht vor uns liegt, sondern von hinten über unser Haupt strömt, daher sind wir ihr ausgeliefert.“ Das ist zu begreifen, und auch, was alles gleichzeitig und warum so und nicht anders geschieht. Da muss man sich einlassen – von der Familiengeschichte bis zu den Weltereignissen, von den noch heute sichtbaren Schusslöchern aus dem Weltkrieg bis zu einer gefällten sanften Eiche. Auch Sehnsucht nach den ‚temps-perdus‘ sind wichtig. Wie schreibt Mascha Kaleko: „In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild/der Stadt, die so viel tausende vergaßen. /Ich wandle wie in einem Traum/durch diese Landschaft Zeit und Raum.“

Wir sind das Bindeglied für Vergangenheit und Zukunft, für Zeit und Raum, für Träume, temps-perdus und akribische Planung für Morgen. Nur wir können die ‚beschissene‘ Weltgeschichte verändern, um eine Lust am Leben zu haben. Nur wir.

Euridice und Orpheus hatten ihr Leben, ihren Auftritt, ihre Legende. Jetzt sind wir an der Reihe. (Eine Wiederholung) - Was soll von uns bleiben? Unvernunft, Dummheit, Größenwahn? Protzerei und Pöbelei? Vielleicht nimmt Gott sonst doch am achten Tag die Erde, presst sie zu einer Scheibe und wirft sie in eines der schwarzen Löcher im Weltall -

Was wünsche ich mir?

Seitenblicke und Schattenwürfe, wie die Malerinnen der Spätgotik sie auf die Leinwände zauberten. Der Anfang eines Aufbruches, der mit der Renaissance in die Neuzeit führte, ….

Was tue ich?

Ja, schreiben. An zwei Projekten, dem Gedichtband ‚Nachtzüge‘ und den ‚Fluchtlinien‘ – immer noch, schon wieder, immer wieder. Aber bis Ende des Jahres sollen beide Bücher fertig sein.

Und: Mich freuen, dass Iris Noelle-Hornkamp in der Kleinen Westfälischen Bibliothek ein Lesebuch ‚J. Monika Walther‘ herausgibt. Da reihe ich mich dann ein zwischen Lewin Schücking und Mathilde Franziska Anneke, deren Werke ich in den Siebziger Jahren im Verlag Frauenpolitik herausgab. Allzu viele Schriftstellerinnen gibt es in der Bibliothek noch nicht.

Und: „Wenn die Weltgeschichte nicht so beschissen wäre, wäre es eine Lust zu leben.“ Also verändern wir und beginnen bei uns selbst.

Jay