J. Monika Walther
Che Faro

Che Faro 2021

Weitere Jahrgänge anzeigen

Che Faro 2020

Che Faro 2019

Che Faro 2018

Che Faro 2017

Che Faro 2016

Che Faro 2015

Che Faro 2014

Che Faro 2013

Che Faro 2012

Che Faro 2011

Che Faro 2010

Che Faro 2009

Che Faro 2008

Che Faro 2007

Che Faro 2006

Che Faro 2005

Che Faro 2004

Che Faro 2003

Che Faro 2002

Che Faro

Was mache ich heute?

Oktober 2021

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

singt Orpheus.

Welche Entscheidungen hatten Euridice und Orpheus in ihrem Leben zu treffen? Wie frei waren sie bei der Wahl ihrer Liebe, dieses oder ein anderes Leben zu führen? Konnten sie zur ‚Wahl‘ gehen? Wir wissen viel über Göttinnen und mythologische Machenschaften und wenig über die Freiheit und Möglichkeiten der Entscheidungen der Nymphen und Halbgöttinnen, der Sänger und Ehefrauen.

Die attische Demokratie ist bekannt seit dem 5. Jahrhundert vor Christus, das war die Zeit zwischen den Perserkriegen und dem Peloponnesischen Krieg. Die Zeit der größten Machtentfaltung Athens durch den attischen Seebund. Das imponierendste Zeugnis des Reichtums und der kulturellen Entfaltung sind die Bauten auf der Akropolis.

Die attische Demokratie ist ein frühes Beispiel einer auf dem Prinzip der Volkssouveränität basierenden politischen Ordnung. Mit ihr wurde ein Verfassungstypus entwickelt, der allen Bestrebungen zur Ausweitung direktdemokratischer Ansätze als Modell und geschichtliche Erfahrung dienen kann. Aber auch in der Zeit ihrer Vollendung bot die attische Demokratie nur einem Teil der Bevölkerung Attikas das Recht zur politischen Partizipation. Frauen, Sklaven und Metöken (Fremde, meist auch griechischer Herkunft) waren davon ausgeschlossen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen besaßen nur Männer, deren Eltern bereits Bürger Athens gewesen waren, alle politischen Rechte. Diese registrierten Vollbürger waren andererseits auf allen politischen Entscheidungsebenen aktiv. Eine Gewaltenteilung existierte nicht; der Macht der Volksversammlung waren wenige Schranken gesetzt.

Bleibt die Frage, wie kommt es überhaupt zum Auswählen, zu Entscheidungen. Die Auseinandersetzung um die Willensfreiheit, die vor allem von Neurowissenschaftlern und Philosophen geführt wird, ist von einem Gegensatz naturalistischer und rationalistischer Positionen geprägt. Die eine Seite behauptet die Determiniertheit allen menschlichen Handelns durch neuronale Mechanismen; die andere Seite verteidigt die Autonomie des rationalen Subjekts, das sich nicht auf Naturprozesse reduzieren lässt.

Unbeachtet bleibt bei diesen Diskussionen die Rolle, die die Subjektivität in ihrer zeitlichen und emotionalen Dimension bei Entscheidungen spielt. Außer Acht bleibt, dass Entscheidungen zuallererst einem Lebensvollzug angehören. Sich-Entscheiden und entsprechendes Handeln stellt kein isolierter Willensakt dar, sondern ist in der Regel ein zeitlich mehr oder weniger ausgedehnter Prozess, in den Überzeugungen, Erwartungen, Erfahrungen, Grundhaltungen mit eingehen, also die persönliche und familiäre Lebensgeschichte.

Der Neurologe Wolfgang Prinz behauptet: Wir „tun nicht, was wir wollen (und schon gar nicht, weil wir es wollen), sondern wir wollen, was wir tun“. „Handlungsentscheidungen werden in subpersonalen (d.h. dem Bewusstsein des Menschen gänzlich entzogenen) Prozessen fabriziert und dann, nachdem sie vorliegen, als Ergebnis personaler Entscheidungsprozesse interpretiert“. Nach Gerhard Roth ist „das Ich nicht der Herr im Hause“. Die herkömmliche Vorstellung, dass der Wille durch eine vom bewussten Ich gesteuerte Willenshandlung in die Tat umgesetzt werde, sei eine „Illusion“.

Hinter den Kulissen der rhetorischen Bühne herrscht heilloses Durcheinander. Zu fragen wäre zuerst: wie ist Freiheit zu denken. Niemand kann glauben, dass der Wille durch nichts bedingt ist. Natürlich gibt es tausend Dinge, die nicht nur die Freiheit, sondern auch den Willen beeinflussen, prägen. Bis hin zur Lebensgeschichte, dem Zustand der Welt, des Klimas, der Fähigkeit zu denken. Und so müsste das Erschrecken sehr viel mehr der materiellen Bedingtheit des Willens gelten. Das Elend, Hunger, Gewalt, Diktaturen, Kriege, der Zwang zum Wachstum und zu Konkurrenz aller gefährden den freien Willen, gestalten Lebensläufe und Abhängigkeiten, treiben Menschen in Fluchten und elende Situationen.

Und ja, alle Erfahrungen geschehen auch mit einem physiologischen Hintergrund: die Wahrnehmung, das Denken und Fühlen. Niemand kommt auf die Idee, dass dieser physiologische Hintergrund all diese Erfahrungen zu bloßen Illusionen macht. Warum also beim Willen?

Immer geht es darum, die Unfreiheit zu überwinden und zur Freiheit zurückzufinden, das bedeutet für alle, Urteilen und Wollen zur Deckung zu bringen. Und die Möglichkeiten für eine Zukunft zu öffnen. Keine neurobiologischen Befunde können die in diesem Sinne verstandene Freiheit gefährden. Der tausendfach beschworene Konflikt zwischen Determinismus und Freiheit existiert nicht. Es bleibt dabei, dass wir verantwortlich sind für unser Tun und Lassen, für die Geschichten und Geschichte, für das Konzept der moralischen Empfindungen und der Ethik. Am Rand zu stehen und Heil, mein Führer zu schreien, Menschen zu erschießen, auszubeuten, zu versklaven, ist eine Entscheidung. Diese oder jene Partei zu wählen. Urteilen und etwas wollen. Und sei es, Diktator von Belarus zu sein. Leicht ist es nicht, sich in der Freiheit zurecht zu finden. Es ist anstrengend, zu denken, zu urteilen, zu wählen.

So sind wir wieder bei der Frage, warum drehte Orpheus sich um, obwohl er wusste, dass Euridice diese Bewegung das Leben kosten wird? Sie musste im Hades bleiben. Aber warum beschwor sie Orpheus, sich ihr zuzuwenden? Auch sie wusste Bescheid. Wollten beide das Drama oder hatten sie sowieso ganz andere Pläne? Auf jeden Fall unsterblich zu werden. Koste es, was es wolle – so handeln heute viele Menschen. Und wenn sie dafür ins All fliegen oder einen Krieg führen müssen.

Ob wir in Deutschland die Möglichkeiten des Wählens ausgeschöpft haben? Wir werden sehen, was aus diesen Entscheidungen im politischen System wird. Vielleicht hört eines Tages das Geplärre von Linksruck auf. Die Wahl einer sozialistischen, einer linken Partei bedeutet nicht, dass in Deutschland die Sonne für immer untergeht. Vielleicht geht Mecklenburg-Vorpommern sogar guten Zeiten entgegen.

Was wünsche ich mir?

Ich wiederhole mich: Seitenblicke und Schattenwürfe, wie die Malerinnen der Spätgotik sie auf die Leinwände zauberten. Der Anfang eines Aufbruches, der mit der Renaissance in die Neuzeit führte, …. Und in diesem Jahr mögen bitte nicht noch mehr Menschen sterben, die einem wichtig sind. Oder dass sie krank werden.

Was tue ich?

Schreiben. Ja. Aber auch aufhören. Harald Welzer sagt, zum Aufhören gehört Können, wer immer weiter macht, banalisiert sich. Im Augenblick ist das im Großen und in der Politik bei vielen zu beobachten. Und sei es, dass Schauspielerinnen, sich albern in dummen Werbespots zeigen oder jeden Quatsch mitmachen, dass einst kluge Leute zeigen, dass sie mit achtzig oder auch siebzig, noch mitmischen wollen und sehr dummes Zeug reden. Sicher, junge Menschen reden auch Quatsch, aber zumindest am Anfang aus anderen Gründen.

Ich habe der Reihe nach mit Allerlei aufgehört: früh mit ausgedehnten Lesereisen, wo ich nach zwei Wochen gar nicht mehr wusste, wo ich war. Ja, es gibt wunderschöne Erinnerungen, es war ein Glück, so viel erleben zu dürfen kreuz und quer in der ganzen Republik und in anderen Ländern. Aber irgendwann spürte ich, dass mein eher kleines Selbstbewusstsein von diesen Veranstaltungen zehrte, da habe ich aufgehört. Mit Mentoring und Organisieren von unendlich vielen Veranstaltungen aller Art habe ich erst vor wenigen Jahren aufgehört. Danach noch mit dem Rezensieren, weil ich all diese angeblich tollen Bücher immer weniger lesen wollte. Dafür war mir die Zeit zu schade. Literatur oder gutes Handwerk ist was anderes, als all diese ‚Bestseller‘.

Nun merke ich, dass ich mich langsam dem Punkt nähere, an dem ich anfange zu überlegen, was will ich noch erzählen. Ja, die Familiengeschichte schreibe ich mit den Fluchtlinien zu Ende. Die noch lebende Verwandtschaft wächst und gedeiht in den Vereinigten Staaten. Das ist schön. Danach möchte ich Erzählungen zu Fotografien von Doris Lipp schreiben, Gedichte. Langsamer. Weniger. Viel lesen. Viel schauen. Aber dagesessen (in einem Bistro) und geschaut, das habe ich schon, als ich noch jung war. Weg ist inzwischen der Ehrgeiz: schöner, schneller, mehr – und noch mehr. Nein, ohne mich.

Und: Ich freue mich, dass im November der Gedichtband ‚Nachtzüge‘ erscheint, dass ich step by step aufhöre und doch noch da bin. Und im Schreiben wunderbar aufgehoben bin.

Jay