J. Monika Walther
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Was mache ich heute?

August 2019

Che farò senza Euridice, che farò senza il mio ben’, dove andrò...

singt Orpheus. Orpheus hat immer gesungen, sich immer nach sich, seinem Klang, seinem Bild von Euridice verzehrt. Was Euridice tat, wissen wir nicht, auch nicht, wer sie war. Außer: Bis heute steht bei Wikipedia (diese Einrichtung mit ihrer Männerherrschaft ist ein Thema für sich und inzwischen gibt es zahllose Beweise, wie frauenfeindlich und dumm dort agiert wird):

Eurydike (griechisch Εὐρυδίκη, die weithin Richtende) ist eine thrakische Dryade, die durch ihre Beziehung mit Orpheus bekannt wurde. Von manchen auch Agriope genannt, „die mit dem wilden Gesicht“, jedoch könnte sie nach Karl Kerényi auch Argiope, „die mit dem weißen Gesicht“ geheißen haben.

Orpheus heiratete sie nach seiner Rückkehr vom Argonautenausflug. Als Aristaios eines Tages versuchte, sie zu vergewaltigen, floh sie vor ihm, trat auf eine Schlange und starb an ihrem Biss. Dem magischen Klang seiner Leier vertrauend, folgte ihr Orpheus wehklagend in den Hades. Selbst der Höllenhund Kerberos bellte nicht mehr, und alle Verdammten hatten für diese Zeit Ruhe von ihren Qualen: Ixion, Tityos, Sisyphos, Tantalos und die Töchter des Danaos. Auch Persephone war vom Gesang gerührt und erlaubte Orpheus, Eurydike wieder mitzunehmen, unter der Bedingung, sich nach ihr nicht umzusehen. Weil er sich daran nicht hielt, wurde sie ihm von Hermes, dem Götterboten und Seelengeleiter, endgültig entrissen.

Euridice gibt es nur, weil es den Supermann Orpheus gab. Und hätte sie nicht unbedingt auf dem Weg aus dem Hades Liebesbeweise von Orpheus haben wollen, wäre sie auch wieder auf der Erdoberfläche unter den Lebenden gelandet. Als die Frau des berühmten Herrn Orpheus. Stattdessen nörgelte und jammerte sie, wie Frauen eben so sind. Im Abziehbildchen.

Als ich jung war, hatte ich keine Vorstellung wie Gleichberechtigung aussehen und in welchen Gesetzen, wie festgeschrieben werden sollte, aber mit dem Beginn der Studentenbewegung, die erst nach ermüdend langen Reden der Männer auch zu einer Studentinnenbewegung wurde, nach zwei Jahren Auseinandersetzungen im Institut für Publizistik in Münster, nach Lesen, Leben und Schreiben wusste ich mehr über die Welt, über mich und die Situation der Frauen in der Welt.

Das Studium am Institut würde ich heute als Luxus in jeder Weise bezeichnen: eine Welt für sich am Domplatz. Ein wunderbarer Institutsleiter. Auch wenn ich im Monat nur rund neunzig Mark für Zimmer und Leben hatte. Mehr bekam ich noch nicht zusammen mit Filmkritiken und anderen Kritzeleien. Die Besetzung des Institutes zeigte dann aber für mich Grenzen und neue Ziele auf. Ja, ich habe einen Professor in seinem Zimmer eingeschlossen, aber auch wieder aufgeschlossen. Ja, ich habe die Statue von Fürstenberg angemalt und auch eine Wand im Treppenhaus im Institut. Und auch dem Rektor gesagt: Das Institut ist besetzt und gehört den Roten Zellen. Aber ich war absolut dagegen vom Dach Bücher und Dokumente zu werfen, das Zimmer von Professor Hendricus J. Prakke mit einem Stacheldrahtverhau (ausgerechnet) zu versperren. Also gehörte ich schnell zu denen, die im Keller die Schätze des Institutes (Filme, alte Zeitungen, Bücher) bewachte. Ich blieb meinem Bürgertum verhaftet. Wie es dann von den Revolutionären hieß. Schlimmste Kennzeichnung war: LuxemburgistIn zu sein. Schnell waren mehrere Lager innerhalb des Protestes gegen den Muff, das Reaktionäre, die alten Lehren, die Bewegungslosigkeit entstanden.

Mit dem Professor den ich kurz eingeschlossen hatte, arbeitete ich zusammen an dem Versuch einer Werthaltungsanalyse publizistischer Aussagen. Eigentlich war es anders: Ich war überzeugt, dass es möglich sein müsste, mit Empirie und Statistik der Wertung von Kommunikation auf die Spur zu kommen. Aber so einfach ist das nicht, Rückschlüsse zu ziehen, nur weil ein Sack Nüsse drei Taube enthält. Sehr viele Jahre später gab es eine Festschrift für Dr. Arnulf Kutsch (einst Münster, dann Professor für Historische und Systematische Kommunikationswissenschaft an der Universität Leipzig) und darin wurde gedruckt: Ein Fundstück - Winfried B. Lcrg und J. Monika Walther: Werthaltungsanalyse publizistischer Aussagen. So schloss sich ein Kreis.

Nach einer langen Zeit in Spanien und Portugal, nach all den Examen, gründete ich 1975 den Verlag frauenpolitik, mit dem ich wieder zwischen allen Stühlen landete. Die feinste bundesweite Beschimpfung war faschistische Linke. Von Frauen. Danach versuchte ich endgültig selbst zu denken, jenseits der Ideologien und jeweiligen Gruppenvorschriften. Und auch jenseits der Vorzeigbarkeit des Gedachten durch Altvordere und Freundinnen. Frauen sind bis heute auf unfassbare Weise benachteiligt, und nein, sie sind in keiner Weise irgendwo bessere Menschen. Mögen sie meinetwegen so grässlich werden wie ein Teil der Männer. Darum geht es nicht, sondern um die gleiche Sichtbarkeit, um gleiche Rechte, um das Begreifen, dass es nicht um das Aussehen der Frau und die Breitbeinigkeit der Männer gehen kann, wenn wir zusammen weiter kommen wollen auf dieser Erdkugel. Die anderen Kugeln gibt es weder in Sachen Klima, noch getrennt nach Geschlechtern, Religionen und fixen unmenschlichen Ideen aller Art. Dankbar bin ich vielen Frauen bei Sendern und Verlagen (und einigen klugen Männern), die sich in Ruhe anschauten, was ich schrieb und dachte – und mich förderten.

Was wünsche ich mir?

Dass ich klug und gelassen mit der Zeit umgehe. Dass ich mich freue, über alles, was gelungen ist und noch immer gelingt.

Ich wünsche mir aber auch, dass die Zivilisation und Demokratie nicht an all dem unbändigen Hass, der Menschenfeindlichkeit und Dummheit einer mächtigen Minderheit zerbricht.

Was tue ich? Der Kriminalroman ‚Dore Vermeulen und Jacob Witowski ermitteln im Münsterland’, an dem Monika Detering und ich seit letztem Jahr schrieben, ist beim Verlag. Also aufräumen. All die Kritzelzettel in eine Mappe. Ein Gedicht versuchen. Spatzenbaum.

Und einen neuen Plan fassen: Die Dorfkolumnen zu Ende schreiben. Vier fehlen noch.

Und: Immer wieder mir zuschauen, wie ich ins Leben ziehe. Aber das Herumfahren und Reisen hat abgenommen. Zu sehen und zu erleben gibt es aber überall und Zuhause viel. Ein Eichhörnchen schaut durchs Fenster, ein Specht klopft. Und die Seidenhühner fliegen durch den Regenschauer.

Jay